#Altersvorsorge, #Unternehmen Volker Bohn: „Wir wünschen uns einen klaren, belastbaren Rahmen“ 19.06.2026 | Die Stuttgarter Die Stuttgarter steht vor einem Relaunch bei ihrer nachhaltigen Altersvorsorge, passt in dem Kontext die Kommunikation an die Regulierung an und verändert die Ansprache im Vertrieb. Warum Begriffe verschwinden, die Strategie aber bleibt, erklärt Volker Bohn Generalbevollmächtigter der Stuttgarter für den unabhängigen Vertrieb im Gespräch mit Cash. Volker Bohn © Die Stuttgarter Herr Bohn, die Stuttgarter hat sich in den vergangenen Jahren klar zur nachhaltigen Altersvorsorge positioniert – Stichwort „GrüneRente“. Nun höre ich aus den Vorgesprächen, dass Sie das Thema neu justieren. Warum? Bohn: Von einer Neuausrichtung würden wir nicht sprechen – wir entwickeln die GrüneRente konsequent weiter. Auch zukünftig werden wir Altersvorsorge mit klaren Leitlinien in der Kapitalanlage anbieten. Denn unser Ziel bleibt, Kundinnen und Kunden die Möglichkeit zu geben, ihre Beiträge so auszurichten, dass sie zur Zukunftsfähigkeit und Transformation der Wirtschaft beitragen. Was sich ändert, ist vor allem die Sprache – auch aufgrund regulatorischer Vorgaben. Der Kern bleibt aber unverändert, genauso wie unsere Nachhaltigkeitsorientierung. Und ja: Der Name für die „GrüneRente“ wird künftig ein anderer sein. Wie genau, kann ich heute noch nicht verraten. Blicken wir auf Markt und Vertrieb: Das Thema hat zuletzt an Aufmerksamkeit verloren. Ist das nur eine konjunkturelle Delle – oder erleben wir eine grundsätzliche Ernüchterung? Bohn: Wir sind seit 2013 intensiv im Bereich nachhaltiger Produkte aktiv und haben gesehen, dass sich die Relevanz über die Jahre verändert. 2022 und 2023 hatten wir beispielsweise einen echten Peak – da war das Thema allgegenwärtig. Inzwischen haben geopolitische und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen Aufmerksamkeit gebunden. Ich bin aber überzeugt: Diese Phase ist vorübergehend, die Bedeutung von Nachhaltigkeit wird wieder zunehmen. Wie erleben Sie aktuell die Nachfrage nach nachhaltiger Altersvorsorge bei der Stuttgarter? Und welche Rolle spielt die verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen im Beratungsgespräch? Bohn: Wir sehen, dass das Thema inzwischen etabliert ist. Der Umgang damit ist eingeübt, die Beratungsroutinen haben sich entwickelt. Gerade im freien Vertrieb wird viel mit Vergleichssystemen gearbeitet – dort ist die Integration gut gelungen und stützt den Beratungsprozess. Die aktuellste Entwicklung: Das Produktangebot ist etwas zurückgegangen, weil sich mehrere Versicherer aus dem Bereich zurückgezogen haben. Gleichzeitig zeigt sich die Nachfrage nach nachhaltigkeitsorientierten Lösungen robust. Auf Vermittlerseite ist die Begeisterung für die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen vielleicht nicht überschwänglich. Man hat sich damit arrangiert und Wege gefunden, das Thema gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden sinnvoll in die Beratung einzubinden. „Was sich ändert, ist vor allem die Sprache – auch aufgrund regulatorischer Vorgaben. Der Kern bleibt aber unverändert, genauso wie unsere Nachhaltigkeitsorientierung.“ Dennoch: Viele Vermittler winken beim Thema Nachhaltigkeit derzeit eher ab. Warum? Bohn: In den vergangenen Jahren ist ein regelrechtes Dickicht an Regulierung, Nachweispflichten und Interpretationen entstanden. Das ist für Kunden kaum noch verständlich – und für Anbieter wie Vermittler schwer rechtssicher zu kommunizieren. Das ist eine enorme Herausforderung. Grundsätzlich begrüßen wir Transparenz und belastbare Aussagen im Sinne des Verbraucherschutzes. Problematisch wird es aber, wenn Regelungen unklar und nicht praxistauglich sind. Dann entsteht ein echtes Kommunikationshemmnis, das bremst die Beratung. Gleichzeitig sehen wir aber auch: In bestimmten Segmenten, etwa in der betrieblichen Altersversorgung, bleibt die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen hoch. Gerade Vermittler, die in diesem Umfeld aktiv sind, sprechen das Thema weiterhin konsequent an. Wann erwarten Sie die Trendwende? Bohn: Wenn man auf die Zielgruppen schaut – insbesondere auf jüngere Menschen –, sieht man klar: Die Sorgen um Klimawandel und dessen Folgen sind sehr präsent. In der öffentlichen Wahrnehmung braucht es leider oft nur das nächste große Naturereignis und schon rücken Themen wie Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung wieder in den Fokus. Viele Marktteilnehmer monieren die überbordende Komplexität. Wir sehen eine Vielzahl an regulatorischen Vorgaben auf nationaler und auf EU-Ebene. Wie stark hat diese Regulierung Ihre Arbeit als Versicherer verändert? Bohn: Wir kämpfen genau mit dieser Fülle an Vorgaben. Im Kern geht es darum, jede Form der Irreführung von Verbrauchern zu vermeiden. Das führt dazu, dass wir künftig weniger „sprechende“ Begriffe verwenden dürfen. Aussagen, die eine direkte ökologische Wirkung oder Qualität suggerieren, sind so nicht mehr zulässig. Auch bestimmte Aussagen – etwa zur jährlichen Überprüfung unserer Anlageleitlinien – können wir in dieser Form nicht mehr treffen. Insgesamt werden wir vorsichtiger werden müssen: bei dem, was wir sagen, und bei dem, was wir zeigen. Wichtig ist mir aber: Während sich andere Marktteilnehmer zurückziehen, halten wir an dem Thema fest und werden unser Angebot weiterführen. Sie sind als Anbieter direkt mit diesen Regularien konfrontiert. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten praktischen Herausforderungen? „Insgesamt werden wir vorsichtiger werden müssen: bei dem, was wir sagen, und bei dem, was wir zeigen.“ Bohn: Vor allem in der Kommunikation. Wir müssen komplexe Inhalte so aufbereiten, dass Kundinnen und Kunden sie verstehen – und dass sie über den Vertrieb gut vermittelt werden können. Das wird jetzt noch anspruchsvoller, weil wir auf gewisse klare, eingängige Begriffe verzichten müssen. Deshalb ist es entscheidend, Nachhaltigkeit im Beratungsprozess so zu verankern, dass Vermittler das Thema strukturiert und verständlich mit ihren Kunden besprechen können. Was genau wird bei den Begriffen künftig so schwierig Bohn: Nehmen Sie ein einfaches Beispiel: Begriffe wie „grün“ dürfen künftig nicht mehr verwendet werden, wenn keine hervorragende Umweltleistung nachgewiesen werden kann. Eine Beweisführung ist bei einem Sicherungsvermögen mit verschiedenen Anlagevehikeln wie Anleihen oder auch Bonds jedoch schwierig. Ein weiterer Punkt ist unser bisheriger Prüfprozess. Wir arbeiten seit Jahren mit dem Institut für nachhaltiges und ethisches Finanzwesen, dem INAF, zusammen. Das INAF hat bisher jährlich die Einhaltung unserer Grundsätze geprüft. Nach den neuen Regeln müsste ein solcher Prüfer zertifiziert sein – diese Zertifizierung existiert aktuell aber noch gar nicht. Das führt zu einer paradoxen Situation: Wir haben etablierte Prüfprozesse und haben darüber auch transparent berichtet, etwa in Anlageberichten. Künftig können wir das so nicht mehr kommunizieren, weil die formale Zertifizierung fehlt. Und genau hier liegt die Herausforderung: Wie erklären wir Kundinnen und Kunden, dass ihre Altersvorsorgebeiträge zur Transformation beitragen können – etwa zur Dekarbonisierung oder zur Einhaltung sozialer Standards –, ohne Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“ zu verwenden? In diesem Spannungsfeld entsteht die eigentliche Schwierigkeit. „Während sich andere Marktteilnehmer zurückziehen, halten wir an dem Thema fest und werden unser Angebot weiterführen.“ Diese Begriffe haben sich längst in der Kommunikation etabliert. Das heißt im Umkehrschluss: Eigentlich dürfte ich sie so gar nicht mehr verwenden, weil sie in die falsche Richtung führen? Bohn: Im Produktkontext tatsächlich: ja. Man muss sehr genau hinschauen, was Anbieter in der Werbung schreiben – sowohl bei Produktbezeichnungen als auch bei der Beschreibung der Wirkung. Hintergrund ist klar der Verbraucherschutz: Irreführung soll vermieden werden, insbesondere mit Blick auf die tatsächlichen Effekte eines Produkts. Wichtig ist aber die Einordnung: Es geht vor allem um Werbung und Vermarktung. Die Begriffe „grün“ oder „nachhaltig“ stehen nicht generell auf dem Index. Sie dürfen nur durch Anbieter im Zusammenhang mit Produkten und deren Wirkung nicht mehr verwendet werden – es sei denn, man kann das eindeutig belegen und von unabhängiger, zertifizierter Stelle nachweisen. Zur Ergänzung: Im journalistischen Kontext können Sie diese Begriffe selbstverständlich weiter nutzen. Die Einschränkungen greifen dort, wo Produkte beworben und ihre Wirkungen dargestellt werden. Genau darin liegt die Herausforderung. Wir sehen viele neue Produktinformationen – und da sind Begriffe wie „nachhaltig“ oder „grün“ fest verankert. Für Sie als Vertriebsmann ist das doch eine enorme Herausforderung – gerade weil sich diese Sprache bei den Partnern draußen etabliert hat. Bohn: Absolut. Deshalb ist es uns wichtig, das Thema strukturiert anzugehen. Wir beschäftigen uns seit rund 15 Monaten mit der Weiterentwicklung, sind aktuell in der Finalisierungsphase. Zum Start des Sommers gehen wir dann in die konkrete Kommunikation. Das Ganze findet allerdings in einem sehr dynamischen Umfeld statt. Wir haben keinen vollständig stabilen regulatorischen Rahmen – auch politische Entwicklungen, etwa rund um Nachhaltigkeitsberichtspflichten, spielen hier hinein. Im Bereich Verbraucherschutz, über den wir sprechen, ist das Umfeld in den letzten 18 bis 24 Monaten aber vergleichsweise stabil gewesen. Insofern kommt das nicht überraschend. Wir konnten uns gut vorbereiten und eine klare Linie entwickeln. Sind Sie dazu schon im Austausch mit Ihren Vertriebspartnern? Bohn: Teils, teils. Es gibt Vermittlerbetriebe, die sich stark auf Nachhaltigkeit spezialisiert haben und gezielt entsprechende Kundengruppen ansprechen. Dort wird die regulatorische Entwicklung sehr genau verfolgt – es hat sich eine „Nachhaltigkeits-Community“ gebildet, die diese Veränderungen bereits auf dem Schirm hat. In der breiten Vermittlerschaft ist das Thema dagegen noch nicht angekommen. Sie müssen das dann aber in der Breite schulen – schließlich ändert sich auch die vertriebliche Ansprache an die Kunden. Bohn: So viel kann ich sagen: Wir werden keinen massiven Schulungsbedarf auslösen. Im Gegenteil – die Beratung wird in Teilen sogar einfacher. Warum? Bohn: Weil wir das Thema Nachhaltigkeit im Beratungsgespräch an die richtige Stelle rücken. Zunächst werden wie gewohnt das Chancen-Risiko-Profil und der passende Anlagemotor geklärt. Und erst dann, bei der konkreten Ausgestaltung des Produkts und der Anlage der Sparbeiträge, bringen wir Nachhaltigkeit ins Spiel. Dort passt es am besten – und dort lässt es sich auch konkret und verständlich in die Produktkonfiguration übersetzen. „Wir werden keinen massiven Schulungsbedarf auslösen. Im Gegenteil – die Beratung wird in Teilen sogar einfacher.“ Ist diese Vorgehensweise aus dem Austausch mit Ihren Vertriebspartnern entstanden? Bohn: Ja. Wir haben seit August 2022 die Pflicht zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen bei Versicherungsanlageprodukten, also der sogenannten dritten Schicht. Daran orientieren wir uns – jetzt noch konsequenter. Wenn Nachhaltigkeit in der Produktkonfiguration verankert ist, wird vieles einfacher. Die Umstellung ist minimal, gleichzeitig stärkt es den Beratungskontext. Und am Ende profitieren sowohl die Vermittler als auch die Kunden davon. Lassen Sie uns das einmal weiterdenken: Auf der einen Seite steht die Reform der privaten Altersvorsorge, auf der anderen Seite das, was Sie gerade beschrieben haben – immer detailliertere ESG-Vorgaben. Wenn man beides zusammennimmt, also mehr Regulierung und gleichzeitig der Wunsch nach Vereinfachung: Entstehen hier nicht Zielkonflikte? Bohn: Zunächst entstehen vor allem mehr Hemmnisse für eine qualifizierte Beratung. Und das halte ich angesichts einer zunehmenden Vorsorgeresignation in Deutschland für ein fatales Signal. Über den Wert von Beratung wird viel gesprochen – und das zu Recht. Die Entscheidung für eine private Altersvorsorge ist langfristig und finanziell sehr weitreichend. Wenn man sich die Gesamtpalette anschaut – privat, betrieblich, steuerliche Aspekte, Kapitalmarkt, Produktvielfalt, Flexibilitäten, Anpassungen an Lebensphasen –, dann ist das in Summe hochkomplex. Die Menschen brauchen Orientierung und genau hier setzt Beratung an. Wenn aber die Rahmenbedingungen immer schwieriger werden – durch steigende Komplexität und sinkende Attraktivität des Beratungsumfelds –, dann wird das Angebot an Beratung zurückgehen. Und das wird sich auf das Vorsorgeniveau in unserer Gesellschaft auswirken, mit entsprechenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme. Da bin ich bei Ihnen. Das hört man so auch von anderen Anbietern. Besteht vor diesem Hintergrund nicht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit im Zuge der Reform an Bedeutung verliert? Wenn Beratung schwieriger wird und gleichzeitig einfache, standardisierte Produkte – etwa per Klick – zunehmen, dann stehen doch eher Kosten, Förderlogiken und Standardisierung im Fokus. Nachhaltigkeit, die man oft erst im Gespräch herausarbeitet, könnte dabei in den Hintergrund treten. Bohn: Diese Gefahr besteht durchaus. Gerade bei stark standardisierten, digital abgeschlossenen Produkten rücken Themen wie Kosten und Einfachheit naturgemäß in den Vordergrund. Nachhaltigkeit entfaltet ihre Wirkung häufig erst im Beratungsgespräch, wenn Präferenzen herausgearbeitet und eingeordnet werden. Deshalb ist es umso wichtiger, Nachhaltigkeit so in Produkte und Prozesse zu integrieren, dass sie auch ohne große Hürden zugänglich bleibt. Beratung bleibt dabei ein zentraler Hebel – aber wir müssen gleichzeitig Wege finden, das Thema auch in einfacheren, standardisierten Lösungen sinnvoll abzubilden. Wir sind überzeugt, dass qualifizierte Beratung weiterhin gebraucht wird. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher haben diesen Bedarf und sehen ihn. Es gibt einen Markt für Beratung, gerade weil die Entscheidungen in der Altersvorsorge so eine enorme Tragweite haben. Und mit Blick auf Nachhaltigkeit gilt: Sie muss erklärt werden. Die Lenkungsmöglichkeiten, die Kundinnen und Kunden mit ihren Beiträgen haben, müssen sichtbar gemacht werden. Das gelingt in der Regel nur über Beratung und da gibt es laut einer Umfrage von uns eine klare Erwartung: 43 % der Menschen in Deutschland erwarten, dass Nachhaltigkeit in die Altersvorsorgeberatung integriert wird. Die Kundenseite ist hier also sehr klar positioniert. Wenn man sich das geplante Altersvorsorgedepot anschaut – auch wenn noch nicht alles feststeht –, bin ich mir nicht sicher, ob Nachhaltigkeit dort eine große Rolle spielen wird. Andere Logiken stehen eher im Vordergrund. Bohn: Stand heute ist das so. In den bisher bekannten Grundzügen des Altersvorsorgedepots findet sich zum Thema ökologische oder soziale Nachhaltigkeit nichts. Wir erwarten im Sommer weitere Impulse, etwa aus der Rentenkommission und möglichen Reformen des Gesamtsystems. Da schauen wir – wie viele andere – sehr genau hin, welche Rolle Nachhaltigkeit künftig spielen soll, insbesondere mit Blick auf das Kapital, das dort aufgebaut wird. „43 Prozent der Menschen in Deutschland erwarten, dass Nachhaltigkeit in die Altersvorsorgeberatung integriert wird.“ Glauben Sie, dass der Gesetzgeber hier noch nachjustieren muss? Bislang sehe ich da wenig. Bohn: Unbedingt. Die Klimathemen sind ja nicht verschwunden – oft braucht es nur das nächste Ereignis, und sie stehen wieder im Fokus. Was häufig unterschätzt wird, sind die Nachhaltigkeitsrisiken für Wohlstand, Vermögen und Wirtschaftswachstum. Der Klimawandel stellt hier ein erhebliches Risiko dar. Deshalb geht es bei der Transformation – Stichwort Dekarbonisierung – letztlich darum, künftigen Wohlstand zu sichern. Vor diesem Hintergrund wünschen wir uns, dass Nachhaltigkeit auch in der Altersvorsorge berücksichtigt wird. Dafür brauchen wir klare, praxistaugliche Vorgaben. Dazu gehört aus unserer Sicht auch eine Überarbeitung der Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen sowie mehr Klarheit bei den Kommunikationsregeln im Beratungsprozess. Es wäre ja schon widersprüchlich, wenn man von privaten Anbietern nachhaltiges Handeln erwartet, während staatliche Modelle wie das Depot außen vor bleiben. Bohn: Wir setzen darauf, dass im weiteren politischen Entscheidungsprozess das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt wird – und zwar in einer praxistauglichen Form. Es muss sich in die Beratung integrieren lassen und uns als Anbieter eine rechtssichere Kommunikation ermöglichen. Das ist ein Wunsch, den ich ausdrücklich formulieren möchte. Am Ende profitieren alle davon, wenn Anbieter, die einen Beitrag zur Transformation und zur Lenkung von Kapital leisten, auch verlässliche und bessere Rahmenbedingungen vorfinden. Lassen Sie uns auf die Produkte schauen – konkret auf Ihr bekanntestes, das künftig nicht mehr „GrüneRente“ heißen wird. Was wird sich daran ändern, was bleibt bestehen? Bohn: Der Kern bleibt unverändert: klare Leitlinien für die Kapitalanlage. Wir haben – unabhängig von der GrüneRente – bereits heute umfassende Ausschlusskriterien für unser Sicherungsvermögen. Im Rahmen der GrüneRente sind die Ausschlusskriterien einerseits noch strenger und andererseits kommen Positivkriterien dazu. Beispielsweise sichern wir zu, dass die Sparbeiträge in entsprechender Höhe in Anlagen fließen, die besondere Kriterien erfüllen. Dazu gehören beispielsweise Investitionen in erneuerbare Energien, aber auch die Einhaltung sozialer Standards. Ein weiteres Beispiel ist Mikrofinanz – also Anlagen mit sozialer Rendite, die insbesondere Familien und Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Diese Grundsätze und Zusicherungen bleiben bestehen. Was sich ändert, ist die Kommunikation: Der Name „GrüneRente“ wird geändert und auch die bisherige INAF-Überprüfung können wir so nicht mehr kommunikativ nutzen. „Der Kern bleibt unverändert: klare Leitlinien für die Kapitalanlage. Wir haben – unabhängig von der GrüneRente – bereits heute umfassende Ausschlusskriterien für unser Sicherungsvermögen.“ Welche weiteren Anpassungen erwarten Sie in anderen Produktbereichen durch die Nachhaltigkeitsregulierung? Bohn: Kurzfristig zunächst keine grundlegenden. Mittelfristig wird es aber spannend: Die EIOPA hat im vergangenen Jahr die Weiterentwicklung der Offenlegungsverordnung angestoßen – Stichwort „SFDR 2.0“. Dabei geht es darum, Anlageprodukte stärker nach ihrer tatsächlichen Nachhaltigkeitswirkung zu klassifizieren. Aktuell sprechen wir von Artikel-8- und Artikel-9-Produkten – vereinfacht gesagt „hellgrün“ und „dunkelgrün“. Künftig wird diskutiert, diese Kategorien durch neue, verständlichere Nachhaltigkeitscluster zu ersetzen. Das wird voraussichtlich nicht vor 2028 kommen, könnte dann aber Anpassungen bei nachhaltigkeitsorientierten Produkten nach sich ziehen – sowohl bei Versicherern als auch bei Kapitalanlagegesellschaften. Das ist ein Thema, das bereits am Horizont sichtbar ist. Das hätte ja auch wieder Auswirkungen auf die Kommunikation. Viele Begriffe haben sich bereits etabliert – wenn sich das regulatorisch erneut ändert, betrifft das auch Kundenansprache und Vertrieb. Ist das eher positiv oder negativ? Bohn: Das hängt stark von der Ausgestaltung ab. Grundsätzlich begrüßen wir die Überarbeitung, weil die heutigen Kategorien oft nicht sprechend genug sind und in Kombination mit der Taxonomieverordnung teilweise auch widersprüchlich wirken. Wir brauchen einen klaren, praxistauglichen Rahmen. Wenn das gelingt, können die daraus resultierenden Veränderungen durchaus positiv sein. Entscheidend ist, dass am Ende Lösungen stehen, die verständlich und in der Praxis gut umsetzbar sind. Ein zentrales Ziel der ESG-Regulierung ist ja, Kapital in nachhaltige Investitionen zu lenken. Funktioniert diese Lenkungswirkung aktuell? Bohn: Ja, das tut sie – und zwar sehr gut. Wenn man auf die Sicherungsvermögen schaut, sieht man klare Effekte. Denn wir Versicherer richten unsere Kapitalanlagen entsprechend aus. Jährlich werden rund 300 Milliarden Euro an Kundengeldern neu investiert. Ein Blick in den Nachhaltigkeitsbericht des GDV zeigt das auch anhand konkreter Zahlen: 2024 lag der CO₂-Ausstoß pro eine Million Euro Anlagevolumen bei etwa 47 Tonnen. Hochgerechnet auf das Gesamtvolumen ergibt sich natürlich ein erheblicher Fußabdruck – aber eben auch ein klarer Hebel zur Veränderung. Denn gleichzeitig investieren Versicherer zunehmend in erneuerbare Energien. Allein 2024 haben Anlagen, in die Versicherer investiert haben, rund 23,9 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt – das entspricht etwa einem Sechstel des Strombedarfs deutscher Haushalte. Daran sieht man: Die Lenkungswirkung im Kapitalanlagebereich ist beachtlich. Wenn wir auf die Beratung schauen, ist das Bild etwas differenzierter. Je komplexer es wird, Nachhaltigkeit in den Beratungsprozess zu integrieren, desto schwieriger wird es, diese Lenkungsfunktion voll auszuschöpfen. Heißt umgekehrt: Wenn wir es schaffen, das Thema in der Beratung einfacher und verständlicher zu machen, dann wird auch für Kundinnen und Kunden klarer, dass sie zwei Dinge gleichzeitig erreichen können – ihre Altersvorsorge sichern und einen Beitrag zur Transformation leisten. Und dann kann dieser Effekt noch deutlich stärker werden. Sie haben es eben schon angesprochen: Die Versicherungswirtschaft spielt eine wichtige Rolle bei der Transformation, auch als Finanzierer. Aktuell habe ich den Eindruck, dass die Bundesregierung nicht ganz klar weiß, wohin die Reise geht – ich denke da etwa an Bundeswirtschaftsminister Reiche. Ist das für Sie eher ein Hemmschuh oder läuft das Thema trotzdem weiter? Bohn: Gerade in der betrieblichen Altersversorgung sehen wir, dass Nachhaltigkeit weiterhin eine große Rolle spielt. Vermittler, die darauf fokussiert sind, bringen das Thema sehr aktiv in die Beratung ein. Und dort, wo Kundinnen und Kunden diese Lenkungsmöglichkeiten verstehen, entsteht auch Nachfrage. Wir haben über die öffentliche Aufmerksamkeit gesprochen – und auch darüber, dass es zuletzt ein gewisses „Durchatmen“ gab, etwa bei den Berichtspflichten. In klar nachhaltigkeitsorientierten Zielgruppen ist das Thema aber weiterhin voll intakt. Was aktuell fehlt, ist ein breiter öffentlicher Impuls, um noch mehr Menschen dafür zu gewinnen. Ob das politisch ein Hemmschuh ist? Förderlich ist es sicher nicht. Aber ich würde die aktuelle Lage auch nicht als stark bremsend einordnen. Nachhaltigkeit ist letztlich auch eine Frage der Überzeugung – und die ist nicht nur von Konjunktur oder politischen Zyklen abhängig. „Nachhaltigkeit ist letztlich auch eine Frage der Überzeugung – und die ist nicht nur von Konjunktur oder politischen Zyklen abhängig.“ Ich würde gern noch einmal auf Altersvorsorgereform und ESG zurückkommen. Viele Vermittler empfinden das Thema als komplex und schwer vermittelbar. Wird die Situation durch die Reform eher einfacher – oder droht zusätzliche Überforderung? Bohn: Aus meiner Sicht weder noch. Wir hatten schon immer verschiedene Wege der Altersvorsorge, die in der Beratung zusammengeführt werden mussten. Nachhaltigkeit ist dabei ein weiterer Aspekt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das wird sich durch die Reform nicht grundlegend ändern. Wenn man das alles zusammennimmt, worüber wir in gesprochen haben – komplexere ESG-Vorgaben aus Brüssel, strenge Aufsicht, gleichzeitig die geplante Vereinfachung der Altersvorsorge und eine eher verhaltene Nachfrage im Markt: Droht die nachhaltige Altersvorsorge zwischen Regulierung, Reform und Vertriebsrealität zerrieben zu werden? Oder sehen Sie einen Weg, dieses Spannungsfeld aufzulösen? Bohn: Dieses Regelungsdickicht ist definitiv ein Problem. Die Vielzahl an Gesetzen, ihre Auslegung und die inhaltliche Komplexität – das ist schwer handhabbar und muss einfacher werden. Für uns als Anbieter ist es zunehmend schwierig, rechtssicher zu kommunizieren. Und für Kundinnen und Kunden ist es noch schwerer, zu verstehen. Gerade wir, die seit 2013 mit der GrüneRente unterwegs sind, hoffen, dass Regelungen sinnvoll weiterentwickelt werden – und dass Dinge, die keinen echten Mehrwert bringen, auch wieder zurückgenommen werden. Das ist möglich. Was sollte konkret zurückgenommen werden – und was macht aus Ihrer Sicht Sinn? Bohn: Sinnvoll ist alles, was Vergleichbarkeit schafft – also klare Produktkategorien, die nachvollziehbar und sauber abgegrenzt sind. Was hingegen problematisch ist, sind widersprüchliche Vorgaben, etwa bei der Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen. Diese Und-Oder-Logiken sind in der Praxis kaum vermittelbar. Eine Präferenz sollte natürlich abgefragt werden. Aber sie muss in einfache, verständliche Produktcluster überführt werden. Das begrüßen wir ausdrücklich. Ebenso den Verbraucherschutz, der irreführende Aussagen verhindern soll. Wichtig ist mir aber auch, das möchte ich klar sagen: Wir haben der GrüneRente nie etwas zugeschrieben, was wir nicht belegen konnten. Was man hinterfragen muss, ist die zunehmende Detailtiefe – etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Das ist teilweise so kleinteilig geworden, dass sich die Frage stellt, für wen diese Informationen überhaupt noch gedacht sind. Für Verbraucher oder Investoren wird es irgendwann schlicht zu komplex und teils widersprüchlich. Wie könnte es konkret einfacher aussehen? Was wünschen Sie sich von der Politik, damit es im Vertrieb handhabbar und für Verbraucher verständlich bleibt? Bohn: Wir wünschen uns einen klaren, belastbaren Rahmen. Und Regelungen, die aus Kundensicht relevant sind und transparent nachvollzogen werden können. Das gelingt dann, wenn klar ist: Wohin wird investiert, nach welchen Grundsätzen wird investiert – und wird die Einhaltung dieser Grundsätze auch überprüft? Wenn diese Punkte sauber geregelt sind, ist schon viel gewonnen. Gastbeitrag. Interview bereits auf Cash. am 2.6.2026 erschienen.
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