Highlight, Stuttgarter Magazin

| 26.02.2020 | 1-2020 | Von Christa Koslitz-Mesnaric

Von sich selbst lernen

Coaching boomt. Was früher fast nur dem oberen Management ein Begriff war, ist heute eine gängige Methode in der Personalentwicklung. Zurecht, findet die Expertin Christa Koslitz-Mesnaric.

Neue Arbeitsumfelder, neue Jobanforderungen, die eigenen Ziele und Wünsche und die des Chefs – alles verändert sich. Das Tempo wiederum, in welchem neue Herausforderungen und Veränderungen auf uns zukommen, ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Und für viele damit auch der Druck, den sie im Berufsalltag verspüren. Zeit für ein „Business Coaching“.

Was hinter dem Trendbegriff Coaching steckt

Das Wort Coaching kommt aus dem Englischen und heißt soviel wie „kutschieren“. Sinnhaft bedeutet Coaching also, jemanden von einem Ort zum anderen zu bringen und ihn auf seinem Weg zu begleiten. Ausschlaggebend für den Erfolg ist, dass der Klient gemeinsam mit dem Coach sein persönliches Ziel definiert und nicht einfach auf eine fertige Lösung wartet. Ganz nach der konfuzischen Weisheit: „Sage es mir, und ich werde es vergessen, zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. … lass es mich tun, und ich werde es können“ – hilft der Coach seinem Klienten, die Lösung selbst zu finden. Der Klient soll in der Lage sein, komplexe Situationen und Veränderungen eigenständig zu bewältigen.

Die häufigste Ausgangslage: „wachsende Herausforderungen“

Die meisten Menschen müssen im Laufe ihrer Karriere die eine oder andere Herausforderung bewältigen. So auch Peter W. Nach fünf Jahren als Außendienstmitarbeiter wurde der 38-Jährige endlich zum Bereichsleiter befördert. Als frischgebackene Führungskraft musste er jedoch feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Chef zu sein. Was die Situation zusätzlich erschwerte: Bis vor kurzem waren diese Mitarbeiter noch seine Kollegen. Jetzt hatte er das Gefühl, von ihnen nicht mehr akzeptiert zu werden. Er geriet immer stärker unter Druck und beschloss, ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Probleme in der Kommunikation mit Mitarbeitern, das Gefühl der Überforderung, Konflikte zwischen Berufs- und Privatleben – so wie Peter W. geht es vielen. Das bestätigen auch die zunehmenden Stresserkrankungen. Laut einer Studie der Krankenkasse pronova BKK glaubt jeder Zweite, von Burn-out bedroht zu sein. Was hilft Menschen, die sich im Beruf mit Schwierigkeiten dieser Art konfrontiert sehen?

Situationen, in denen Coaching helfen kann

  • Konflikte innerhalb des Teams
  • Herausforderungen im Berufsalltag
  • Überforderung und Stress
  • Übernahme von neuen Aufgabengebieten
  • Führungsaufgaben meistern
  • Richtige Karriereentscheidungen treffen
  • Work-Life-Balance

Was funktioniert am besten: Training, Beratung oder Coaching?

Im beruflichen Kontext sind Training, Beratung und Coaching drei etablierte Methoden, um mit Herausforderungen umzugehen. Trainings und Schulungen sind vor allem dann effektiv, wenn es um die Wissensvermittlung geht. Die klassische Beratung wiederum kümmert sich eher um Strukturen und Prozesse: Was sollte man in Zukunft besser machen und welches Vorgehen ist dafür geeignet? Die Herausforderungen von Armin W. lassen sich mit Fachwissen und Ratschlägen jedoch nur selten lösen. Zumeist sind sie das Ergebnis innerer Überzeugungen, die sich tief im Unbewussten befinden. Ein Dialogformat mit individuellen Lösungsansätzen muss her – das Coaching.

Was Coaching so effektiv macht

Das Besondere an der Methode ist, dass der Klient den Lösungsansatz für sein Problem selbst findet. Der Coach setzt ihn lediglich auf die richtige Spur – sei es durch offene Fragenstellungen, Schreibübungen oder konkrete Zielformulierungen. Das Entscheidende dabei ist: Der Coach gibt keinerlei Ratschläge. Er fungiert als eine Art Lotse, der den Betroffenen durch das Wirrwarr seiner Überzeugungen und unbewussten Verhaltensmuster zu einer eigenen Antwort navigiert. „Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“. Der Wunsch etwas zu verändern, muss in uns selbst entstehen. Genauso der Lösungsweg, so sieht es das Coaching. Gut gemeinte Ratschläge von außen sind selten erfolgreich. Im Gegenteil. Meist entsteht eine innere Abwehrhaltung. Denn schon früh haben wir gelernt, dass Ratschläge, selbst von nahestehenden Personen, nicht selten der Manipulation dienen, um eigene Absichten durchzusetzen. Ein einfaches Beispiel: Eine Mutter redet ihrem Sohn die Freundin aus, weil sie ihn angeblich nur verletzten würde. In Wahrheit mag sie das Mädchen nicht oder wünscht sich eine bessere Partie. Der Sohn durchschaut irgendwann die Fremdsteuerung und beschließt, nicht mehr alles zu glauben und bei derartigen Ratschlägen vorsichtig zu sein.

„Ausschlaggebend für den Erfolg ist, dass der Klient gemeinsam mit dem Coach sein persönliches Ziel definiert und nicht einfach auf eine fertige Lösung wartet.“

Zurück zu Peter W. Bereits nach wenigen Coaching-Sitzungen war ihm klar: Nicht die Beförderung ist das Problem, sondern seine innere Haltung. Die Angst, nicht akzeptiert zu werden und die extrem hohen Ansprüche an sich selbst. Der Coach hielt ihm durch gezielte Fragen einen Spiegel vor Augen. Darin konnte er klar erkennen, dass er dieses Selbstbild bereits seit frühester Kindheit mit sich herumtrug. Das Ziel, das Peter W. daraufhin formulierte, lautete: Ich bin von jetzt an weniger streng mit mir selbst.

Der Chef als Coach?

Der Wandel in der Arbeitswelt lässt die Frage aufkommen, ob Vorgesetzte auch für ihre eigenen Mitarbeiter die Rolle des Coaches einnehmen sollten. Zu den Hauptaufgaben einer Führungskraft gehört die Förderung und Entwicklung der Mitarbeiter. Aus diesem Blickwinkel ist der Coaching-Ansatz eine Bereicherung des klassischen Führungsstils. Gerade in einer Zeit, in der die Hierarchien flacher werden, ist es wichtig, nicht durch Kontrolle und Befehle zu führen. Vielmehr sollten alle Teammitglieder befähigt werden, Verantwortung zu übernehmen und ihre Entwicklungsprozesse selbst in Gang zu setzen. Der Coaching-Ansatz führt insofern zu einer Stärkung des Vertrauens in der Beziehung zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten. Das Team erlebt durch diese Art der Führung Rückendeckung und Respekt. Die Folge: mehr Motivation, weniger Fehler, bessere Leistung. Auch wenn eine Führungskraft letztlich im Sinne des Unternehmens entscheidet, die Coaching- Methode ist in der Regel ein Gewinn für alle Beteiligten. Die heutige Gesellschaft ist so individualistisch geprägt wie
noch nie. Gleichzeitig scheinen die Menschen von ihrem Selbstweiter entfernt zu sein, als jemals zuvor. Diese Entwurzelung hat auch Auswirkungen auf das Berufsleben. Coaching kann helfen, innezuhalten, sich zu hinterfragen und zuzuhören. Wenn Sie das nächste Mal also das Gefühl haben, vor einem unüberwindbaren Hindernis zu stehen, versuchen Sie es doch mit einem Sparringpartner in Form eines Coaches. Sie werden überrascht sein, wie viel Sie noch von sich selbst lernen können.

Grenzen des Coachings

So effizient Coaching ist, auch diese Form der Beratung kommt in gewissen Punkten an ihre Grenzen. Denn der Coach kann nur bereits Vorhandenes aus seinem Klienten herausholen und aktivieren. Kein Coach der Welt wird also aus einem Introvertierten einen Extrovertierten machen können – oder wollen. Auch ist der Coach keinesfalls der richtige Ansprechpartner für psychotherapeutische Themen. Zwangsstörungen, Depressionen und Süchte sind keine Themen für ein Coaching, sondern müssen therapeutisch behandelt werden.

Frau Koslitz-Mesnaric wie sind Sie persönlich zum Coaching gekommen?

Bevor ich Coach wurde, habe ich mich selbst eines Tages als Klient in einer Coaching-Sitzung wiedergefunden. Damals war ich gerade aus einem von mir gegründeten Unternehmen ausgestiegen. Das Unternehmen war sehr erfolgreich und doch verspürte ich keine Freude mehr bei meiner Arbeit. Also verließ ich die Firma und konzentrierte mich gemeinsam mit einem Coach darauf, herauszufinden, wer ich bin und was ich eigentlich wollte. Nach den Sitzungen merkte ich, dass die Methode des Coachings unglaublich gut zu mir selbst passte. Auch meine Erstausbildung in Psychologie passte plötzlich wieder ins Bild.

Mit welchen Problemen kommen die meisten Klienten zu Ihnen?

Die meisten unserer Klienten aus dem Businessbereich kommen in die Coaching-Sitzungen, um herauszufinden, wie sie mit ihrem persönlichen Führungsstil konkrete Konflikte besser lösen können. Häufig sind es aber auch Themen, die das Privatleben betreffen. Wie kann ich mich besser verkaufen und wie schaffe ich es, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen und beidem gerecht zu werden? Das sind Fragen, die viele beschäftigen und die man gut im Coaching beantworten kann.

Was raten Sie Menschen, die sich für ein Coaching interessieren?

Wenn Sie sich für ein Coaching interessieren ist es wichtig, einen Coach zu finden, dem Sie vertrauen und bei dem Sie sich wohl fühlen. Am besten ist es, wenn Ihnen jemand einen konkreten Coach weiterempfiehlt. Im Internet werden Sie natürlich auf viele Angebote stoßen. Hier ist ganz klar zu empfehlen, erst einmal bei einem kurzen Kennenlern-Telefonat herauszufinden, wie der Coach arbeitet und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob man auch zwischenmenschlich zusammenpasst. Von einem Coach, der ein kostenfreies Kennenlern-Telefonat ablehnt, kann ich auf jeden Fall abraten.

Über die Autorin

Christa Koslitz-Mesnaric ist Coachin und Leiterin der Michl Group, ein Unternehmen für Organisations- und Personalentwicklung. Mit ihrem Team bietet sie verschiedene Coaching-Leistungen an und ist im ganzen Bundesgebiet unterwegs, um Führungskräfte, Unternehmer/innen und Mitarbeitende bei der Entwicklung individueller Lösungen und neuer Verhaltensweisen zu unterstützen. In der dazugehörigen Akademie werden Personen aus allen Wirtschaftszweigen zu Business-Coaches aus- und Führungskräfte im „coachiven Führungsstil“ weitergebildet. www.michlgroup.de

Aktuelle Themen